Mein schönstes Tomatenjahr war gleichzeitig mein schmerzhaftestes. Ich hatte zwanzig Pflanzen gezogen – verschiedene Sorten, darunter eine alte Fleischtomate, die meine Oma früher angebaut hatte. Anfang Juli sah alles prächtig aus. Dann kam eine Woche Regen und kühle Nächte. Binnen zehn Tagen hatte die Krautfäule die Hälfte meiner Pflanzen erwischt. Ich stand im Garten und schaute auf braune, stinkende Stauden und wusste nicht einmal genau, was ich da sehe.
Seitdem habe ich mich intensiv mit Tomatenkrankheiten beschäftigt. Nicht aus Spaß – aus purer Notwendigkeit. Ich wollte verstehen, was in meinem Garten passiert, damit ich schnell handeln kann. Denn bei den meisten Krankheiten gilt: Wer früh erkennt, kann noch retten. Wer zu lange zuschaut, verliert die ganze Ernte.
Hier ist mein Wissen aus mehreren Jahren Tomatengärtnern im feuchten Schwarzwald. Wo es regnet wie bei uns, ist Vorbeugen keine Kür – es ist Pflicht.
Krautfäule (Phytophthora infestans): Der größte Feind
Die Krautfäule ist für Tomaten-Hobbygärtner das, was der Mehltau für den Rosenliebhaber ist: allgegenwärtig, aggressiv, und wenn man nicht aufpasst, verheerend.
Der Erreger heißt Phytophthora infestans – ein Wasserschimmelpilz, kein echter Pilz. Er liebt feuchte, kühle Bedingungen: Temperaturen zwischen 10 und 25 Grad, hohe Luftfeuchtigkeit, nasse Blätter. Das klingt wie eine Beschreibung meines Sommers hier im Schwarzwald.
Symptome erkennen: Die ersten Zeichen erscheinen meist an den unteren Blättern oder an den Blattstielen. Braun-graue, wässrig wirkende Flecken, die sich schnell ausbreiten. Die Unterseite der Blätter zeigt einen weißlichen, flaumigen Belag – das sind die Sporenlager. Befallene Blätter sterben ab, die Triebe werden braun und weich. An den Früchten zeigen sich braun-grüne, eingesunkene Flecken, das Fruchtfleisch darunter ist braun verfärbt.
Was ich tue: Beim ersten Anzeichen schneide ich alle befallenen Blätter und Triebe großzügig ab – nicht in den Kompost, sondern in den Restmüll. Die Sporen überleben im Kompost. Dann behandle ich die verbliebenen gesunden Pflanzen mit einem Kupferpräparat (z. B. Cuprozin oder ähnliche Mittel mit Kupferoktanat). Kupfer wirkt vorbeugend, nicht heilend – was einmal befallen ist, lässt sich nicht retten. Aber gesunde Teile kann ich schützen.
Vorbeugung ist alles: Pflanzen nicht von oben gießen, Blätter nie nass werden lassen, für gute Luftzirkulation sorgen, ein Regendach über die Pflanzen bauen. Mehr dazu weiter unten.
Blütenendfäule: Keine Krankheit, sondern ein Ernährungsproblem
Ich erinnere mich genau, wie ich zum ersten Mal Tomaten mit schwarzen, eingesunkenen Flecken am Blütenende sah. Ich dachte sofort: Pilzkrankheit! War es aber nicht.
Blütenendfäule entsteht durch Calciummangel in den Früchten. Nicht unbedingt weil der Boden zu wenig Calcium hat – oft liegt es daran, dass die Pflanze das vorhandene Calcium nicht aufnehmen und transportieren kann. Stressige Bedingungen sind die Ursache: unregelmäßiges Gießen, Trockenheit gefolgt von viel Wasser, zu salziger Boden durch übermäßiges Düngen.
Symptome: Schwarzbraune, lederartige, eingesunkene Flecken am unteren Ende der Frucht – dort, wo die Blüte war. Die Frucht ist ansonsten gesund, nur diese Stelle ist ungenießbar. Häufig betroffen sind Flaschentomaten und Paprikaformen.
Was hilft: Das Gießen stabilisieren. Gleichmäßig und regelmäßig, nie austrocknen lassen, nie ertränken. Mulch auf dem Beet hält die Bodenfeuchtigkeit konstant. Calciumpräparate als Blattdünger helfen schnell – als Sofortmaßnahme sprühe ich eine Calciumchlorid-Lösung direkt auf die Fruchtansätze. Mineraldünger mit hohem Stickstoffanteil vorübergehend reduzieren oder weglassen, denn Stickstoff hemmt die Calciumaufnahme.
Wer Tomaten anbaut, sollte Blütenendfäule als Warnsignal nehmen: Der Wasserhaushalt stimmt nicht. Lieber einmal täglich gießen als dreimal pro Woche unregelmäßig.
Grauschimmel (Botrytis cinerea): Grau und flauschig ist kein gutes Zeichen
Botrytis ist ein echter Pilz und mag ähnliche Bedingungen wie Phytophthora: Feuchtigkeit, kühle Temperaturen, schlechte Luftzirkulation. Er befällt geschwächte Pflanzenteile besonders gerne – Wunden nach dem Ausgeizen, abgestorbene Blätter, überreife Früchte.
Symptome: Grauer, staubig wirkender Schimmelbelag auf Blättern, Stielen oder Früchten. Befallene Stellen werden braun und weich. Die Sporen werden beim Berühren in Wolken freigesetzt – ein untrügliches Zeichen für Botrytis.
Was ich tue: Beim Ausgeizen und Schneiden immer zu Tageszeiten arbeiten, wenn es trocken ist und der Schnittsatz schnell abtrocknen kann. Wunden möglichst klein halten. Befallene Pflanzenteile sofort entfernen und entsorgen. Gute Luftzirkulation zwischen den Pflanzen – das ist bei Botrytis entscheidend.
Im Gewächshaus ist Botrytis besonders hartnäckig. Regelmäßiges Lüften, auch an kühlen Tagen, hilft mehr als jede Behandlung.
Septoria-Blattfleckenkrankheit: Die stille Gefahr
Die Septoria-Blattfleckenkrankheit tritt oft gleichzeitig mit der Krautfäule auf und wird deshalb leicht damit verwechselt. Der Unterschied: Die Flecken sind kleiner, rundlich und haben einen charakteristischen hellen Mittelpunkt mit dunklem Rand.
Der Befall beginnt ebenfalls an den unteren Blättern und arbeitet sich nach oben vor. Die Pflanze verliert nach und nach ihr Laub. Der Ertrag leidet, weil weniger Blattmasse weniger Photosynthese bedeutet. Die Früchte selbst werden selten direkt befallen.
Was hilft: Kranke Blätter entfernen, Kupferpräparate vorbeugend einsetzen, Boden-Spritzwasser vermeiden. Dieser letzte Punkt ist wichtig: Septoria überlebt im Boden und in befallenen Pfflanzenresten. Wenn ich gieße und dabei Erde auf die unteren Blätter spritzt, überträgt sich der Erreger. Mulchen schützt davor: Eine Schicht Stroh oder Rasenschnitt zwischen Erde und Blättern verhindert Spritzwasser.
Mosaikvirus und andere Viruskrankheiten: Kaum zu bekämpfen
Viruskrankheiten bei Tomaten sind die frustrationsten, weil es keine Behandlung gibt. Das Tomatenmosaikvirus, das Gurkenmosaikvirus (das auch Tomaten befällt) und andere verursachen typische Muster: gelblich-grüne Mosaik-Muster auf den Blättern, deformierte Blätter, verkümmerte Früchte, verlangsamtes Wachstum.
Übertragen werden Viren durch Blattläuse, durch kontaminierte Werkzeuge und durch Berührung zwischen Pflanzen. Einmal infiziert, ist eine Pflanze nicht zu retten.
Was ich tue: Befallene Pflanzen herausreißen und entsorgen, um die Ausbreitung zu stoppen. Werkzeug zwischen Pflanzen mit Alkohol desinfizieren. Blattläuse konsequent bekämpfen – damit bekämpfe ich gleichzeitig die wichtigsten Virusüberträger. Mehr dazu in meinem Artikel über Schädlinge natürlich bekämpfen.
Resistente Sorten sind hier die beste Antwort. Viele moderne Tomatensorten haben Resistenzen gegen häufige Viren eingebaut – das lohnt sich beim Saatkauf zu prüfen.
Vorbeugung: Das ist mehr als die Hälfte der Arbeit
Alle Tomatenkrankheiten haben eines gemeinsam: Sie lassen sich durch gute Kulturmaßnahmen deutlich reduzieren. Das ist keine Garantie – der Schwarzwälder Sommer ist was er ist – aber es ist der wichtigste Hebel.
Standort: Tomaten brauchen Sonne und Luftzirkulation. Kein enger, windstiller Ecken. Mindestens 60 cm Abstand zwischen den Pflanzen.
Gießen: Immer von unten, nie über die Blätter. Tröpfchenbewässerung oder gezielt an der Wurzel. Morgens gießen, damit die Pflanze den Tag über abtrocknen kann – nicht abends.
Regendach: Das ist meine wichtigste Maßnahme. Ein einfaches Foliendach über den Tomaten hält die Blätter trocken. Ich habe dafür ein simples PVC-Rohr-Gestell gebaut. Der Unterschied ist dramatisch: Meine überdachten Tomaten erkranken deutlich seltener an Krautfäule.
Ausgeizen und Entblättern: Regelmäßig die unteren Blätter entfernen – die ersten 30 cm über dem Boden sollten frei sein. Weniger Blattmasse bedeutet bessere Luftzirkulation.
Fruchtfolge: Tomaten nicht jedes Jahr an denselben Platz pflanzen. Die Krankheitserreger überleben im Boden. Mindestens drei Jahre Pause zwischen Tomatenkulturen am gleichen Standort.
Resistente Sorten wählen: Es gibt inzwischen viele Sorten mit Resistenz gegen Phytophthora. Sorten wie ‘Phantasia’, ‘Primabella’ oder ‘Philovita’ sind deutlich robuster. Ich baue immer einen Mix aus klassischen und resistenten Sorten an – als Absicherung.
Wer sein Beet grundsätzlich gut vorbereitet, legt damit den Grundstein. Ein guter Beitrag zum Einstieg ist das Gemüsebeet vorbereiten – die richtigen Bodenbedingungen sind auch für Tomaten entscheidend.
Häufige Fragen zu Tomatenkrankheiten
Kann ich Tomaten mit Krautfäule noch essen? Die befallenen Teile nicht – braunes, matschiges Gewebe ist ungenießbar. Wenn eine Frucht nur an der Oberfläche leicht befallen ist und das Innere noch fest und gesund aussieht, kann ich den befallenen Teil großzügig herausschneiden und den Rest essen. Im Zweifel lieber wegwerfen.
Wann sollte ich zum ersten Mal Kupfer spritzen? Vorbeugend, bevor die Krautfäule erscheint. Ich beginne Anfang Juli oder nach den ersten feucht-kühlen Tagen im Sommer. Nicht warten, bis die ersten Symptome auftauchen – dann ist es oft schon zu spät für eine effektive Wirkung.
Was mache ich mit befallenen Pflanzenresten? In den Restmüll, nicht in den Kompost. Phytophthora-Sporen überleben in normalem Kompost und kommen beim nächsten Ausbringen in den Garten zurück. Das gilt auch für Septoria und andere Pilzerreger.
Sind alte Tomatensorten anfälliger als neue? Leider ja, in der Regel. Alte Sorten wurden gezüchtet, bevor Krautfäule in Europa so virulent war wie heute. Viele schmecken wunderbar, sind aber empfindlich. Ich baue sie trotzdem an – aber nur überdacht und mit besonderer Aufmerksamkeit.
Warum bekommen meine Tomaten Risse? Risse in der Frucht entstehen durch unregelmäßige Wasserversorgung. Wenn nach einer Trockenphase plötzlich viel Wasser kommt, wächst das Fruchtinnere schneller als die Schale. Mulchen und gleichmäßiges Gießen beugen vor. Betroffene Früchte schnell ernten und verwenden – durch Risse dringen Fäulniserreger leicht ein.
