Viele alte Tomatensorten kursieren ganz ohne Etikett und Händlername: von der Großmutter, vom Nachbarn, aus einem Garten, der irgendwann aufgegeben wurde, kleine gelbe Sorten mit einem Geschmack, der lange im Gedächtnis bleibt. Ein paar Samen davon reichen, um die Sorte zu erhalten: auf einem Stück Küchenpapier getrocknet, in einem Briefumschlag aufgehoben, kurz beschriftet.
So bleibt eine Sorte im eigenen Garten erhalten, mit jedem Jahr etwas besser an den eigenen Standort angepasst.
Das ist Saatgutgewinnung. Nicht nur Geldsparen, auch Bewahren.
Warum eigenes Saatgut?
Wer seinen Garten jedes Jahr neu aus dem Baumarkt bestückt, ist von Saatgutfirmen abhängig. Das muss nicht sein. Wer einmal die Technik der Saatgutgewinnung kennt, kann einen großen Teil des Saatguts selbst erzeugen, kostenlos, Jahr für Jahr.
Dazu kommt: Selbst gezogenes Saatgut passt sich über Generationen an die lokalen Bedingungen an. Eine Tomatensorte, die seit zehn Jahren im eigenen Garten vermehrt wird, kennt das hiesige Klima, den Boden, die lokalen Schädlinge. Sie ist robuster als Saatgut aus anonymer Massenproduktion.
Der entscheidende Unterschied: Samenfest vs. F1-Hybriden
Bevor du anfängst, ist die Sortenwahl entscheidend. Das ist der Punkt, den viele übersehen.
Samenfeste Sorten:
- Geben ihre Eigenschaften zuverlässig an die Nachkommen weiter
- Saatgut lässt sich problemlos selbst gewinnen
- Oft historische oder traditionelle Sorten
- Erkennbar an Beschreibungen wie “samenfest”, “offen bestäubt” oder dem Kürzel “OP”
F1-Hybriden:
- Kreuzung aus zwei kontrollierten Elternlinien
- Nachkommen sind genetisch ungleichmäßig, Saatgutgewinnung bringt unvorhersehbare Ergebnisse
- Müssen jährlich neu gekauft werden
- Erkennbar am Kürzel “F1” auf der Tüte
Für eigenes Saatgut brauchst du samenfeste Sorten. Die bekommst du bei spezialisierten Anbietern wie Dreschflegel, Bingenheimer Saatgut oder Kultursaat, nicht im Baumarkt-Regal.
Grundprinzipien der Saatgutgewinnung
Die reifsten Früchte auswählen
Saatgut nur von den gesündesten, typischsten, besten Früchten gewinnen. Nie von kranken oder schwachen Pflanzen. Dieser Auswahlprozess verbessert die Sorte über Generationen im eigenen Garten, du züchtest, auch wenn du es nicht so nennst.
Vollständige Reife abwarten
Für Saatgutgewinnung müssen Früchte vollständig ausreifen, deutlich über den Punkt hinaus, an dem man sie essen würde. Eine Tomatenfrucht für Saatgut sollte richtig überreif sein, fast schon matschig.
Trocknen, trocknen, trocknen
Feuchtigkeit ist der Feind haltbarer Samen. Samen müssen vollständig trocken sein, bevor sie gelagert werden. Im Zweifel lieber etwas länger trocknen lassen, als nötig erscheint.
Die einfachsten Gemüse für Einsteiger
Bohnen und Erbsen: Die einfachste Variante
Hülsenfrüchte sind der ideale Einstieg, gut geeignet auch für Kinder, die beim Ernten und Trocknen mithelfen.
- Die schönsten, gesündesten Hülsen einfach an der Pflanze vollständig austrocknen lassen
- Hülsen sollten braun und rascheltrocken sein
- Samen entnehmen und nochmal eine bis zwei Wochen auf Papier trocknen lassen
- In Papiertüte oder ein kleines Schraubglas geben und lagern
Keimfähigkeit: vier bis sechs Jahre. Verschiedene Bohnensorten müssen für sortenreines Saatgut mindestens fünf Meter voneinander entfernt angebaut werden.
Tomaten: Fermentationsmethode
Das klingt komplizierter als es ist. Tomatensamen sind von einer Gallerthülle umgeben, die die Keimung hemmt. Die muss weg, bevor die Samen gelagert werden:
- Vollständig reife Tomaten aufschneiden, Samen mit Fruchtfleisch in ein Glas geben
- Etwas Wasser hinzufügen, bei Zimmertemperatur zwei bis vier Tage stehen lassen
- Täglich umrühren, es bildet sich eine Schimmelschicht obendrauf, das ist normal
- Keimfähige Samen sinken auf den Boden, taubes Material schwimmt oben
- Obere Schicht abgießen, Samen mehrmals mit Wasser spülen
- Auf Küchenpapier ausbreiten und ein bis zwei Wochen trocknen lassen
Die Fermentation entfernt die Gallerthülle und tötet außerdem einige Krankheitserreger. Das Schimmelglas auf der Fensterbank sieht eklig aus. Trotzdem: nicht wegschmeißen.
Keimfähigkeit: drei bis fünf Jahre.
Zucchini und Kürbis: Aus riesigen Früchten
Zucchini- und Kürbissamen kommen aus vollständig ausgereiften Früchten, also aus den Riesen, die man übersehen hat. Kennst du das? Diese Zucchini, die plötzlich riesig ist, weil man drei Tage nicht hingeschaut hat? Die ist perfekt für Saatgut.
- Frucht aufschneiden, Samen entnehmen
- Samen von Fruchtfleisch befreien, am einfachsten im Sieb unter Wasser
- Auf Backpapier auslegen, zwei bis vier Wochen trocknen
- Nur vollständig trockene, harte Samen lagern
Wichtig: Zucchini, bestimmte Kürbisse, Gurken und Melonen können sich miteinander kreuzen, wenn sie zur gleichen Art gehören. Für sortenreines Saatgut nur eine Sorte pro Art anbauen oder Blüten von Hand bestäuben.
Paprika und Chili: Trocknen aus reifen Früchten
- Vollständig ausgereifte, rot oder endgültig gefärbte Früchte verwenden
- Aufschneiden, Samen mit dem Mittelstrang entnehmen
- Auf Backpapier zwei bis drei Wochen trocknen
Paprika und Chili kreuzen sich, wenn sie nah beieinander blühen. Im Hausgarten ist etwas Kreuzung akzeptabel, für den normalen Anbau macht das keinen großen Unterschied.
Salat: Das einfachste Saatgut
Salat bestäubt sich selbst und kreuzt kaum mit anderen Sorten. Einfacher geht es kaum:
- Eine Pflanze vollständig schießen lassen, blühen und Samen bilden
- Wenn die Köpfchen braun werden, Stängel abschneiden
- In einer Papiertüte aufbewahren und ausschütteln
- Samen sichten und trocknen
Keimfähigkeit: zwei bis drei Jahre.
Lagerung: So bleiben Samen keimfähig
Ideale Bedingungen: kühl (4, 8 °C), dunkel, trocken.
Bewährt: kleine Papiertüten, kein Plastik, das fördert Schimmel, beschriften mit Sorte und Jahr, dann in einer luftdichten Blechdose im Kühlschrank lagern. Ein Silica-Gel-Päckchen in die Dose legt man dazu, um Restfeuchtigkeit zu binden. Eine alte Keksdose eignet sich dafür gut.
Keimfähigkeitsdauer verschiedener Gemüse:
| Gemüse | Haltbarkeit |
|---|---|
| Bohnen, Erbsen | 4, 6 Jahre |
| Tomaten | 3, 5 Jahre |
| Möhren, Pastinaken | 2, 3 Jahre |
| Salat | 2, 3 Jahre |
| Zucchini, Kürbis | 4, 6 Jahre |
| Paprika | 2, 4 Jahre |
| Radieschen | 3, 4 Jahre |
Keimtest vor der Aussaat: Wenn du unsicher bist, ob altes Saatgut noch keimt: zehn Samen auf feuchtes Küchenpapier legen, einrollen und eine Woche an einem warmen Platz lassen. Wenn mindestens sieben von zehn keimen, ist das Saatgut noch gut.
Saatguttausch: Gemeinschaft und Vielfalt
Wer selbst Saatgut gewinnt, hat bald mehr als genug. Die Lösung: tauschen.
Möglichkeiten:
- Lokale Saatguttauschveranstaltungen, oft in Bibliotheken oder Gemeinschaftsgärten
- Online-Saatguttauschbörsen, z.B. der Tauschmarkt der Arche Noah
- Verein Zentraler Tauschring Saatgut
So wandern Sorten wie die eingangs erwähnte gelbe Tomate über Tauschbörsen von Garten zu Garten weiter. So bleiben Sorten in Umlauf, die sonst verloren gehen würden.
Häufige Fragen zur Saatgutgewinnung
Kann ich Saatgut von Supermarkt-Gemüse gewinnen? Von Tomaten und Paprika aus dem Supermarkt funktioniert es manchmal, wenn es samenfeste Sorten sind. Das Problem: die meisten Supermarktprodukte stammen von F1-Hybriden. Besser: bekannte samenfeste Sorten kaufen und davon Saatgut gewinnen.
Was bedeutet “samenbürtige Krankheiten”? Manche Pflanzenkrankheiten werden direkt über das Saatgut übertragen, z.B. bestimmte Bakteriosen bei Tomaten. Saatgut deshalb nur von gesunden Pflanzen nehmen. Die Fermentationsmethode bei Tomaten hilft, einige dieser Krankheitserreger abzutöten.
Ich habe verschiedene Tomatensorten nebeneinander, kreuzen die sich? Tomaten sind fast vollständig selbstbestäubend und kreuzen in der Praxis kaum. Im Hausgarten ist Kreuzung sehr selten. Wer ganz sichergehen möchte, kann Blüten vor dem Aufgehen mit kleinen Säckchen abdecken, für den normalen Hobbygärtner ist das aber nicht notwendig.





