Ein gutes Tomatenjahr kann sich in wenigen Tagen drehen. Auch bei zwanzig gesunden Pflanzen verschiedener Sorten reicht eine Woche Regen mit kühlen Nächten, damit sich Krautfäule ausbreitet. Binnen zehn Tagen kann sie die Hälfte eines Bestands erwischen, mit braunen, stinkenden Stauden, bei denen auf den ersten Blick gar nicht klar ist, was genau befallen ist.
Wer die häufigsten Krankheiten kennt, kann schnell handeln, statt erst zu rätseln, was da im Beet passiert. Denn bei den meisten gilt: Wer früh erkennt, kann noch retten. Wer zu lange zuschaut, verliert die ganze Ernte.
Hier findest du die wichtigsten Tomatenkrankheiten mit Symptomen und Sofortmaßnahmen. In regenreichen, kühlen Sommern ist Vorbeugen keine Kür, sondern Pflicht.
Krautfäule (Phytophthora infestans): Der größte Feind
Die Krautfäule ist für Tomaten-Hobbygärtner das, was der Mehltau für den Rosenliebhaber ist: allgegenwärtig, aggressiv, und wenn man nicht aufpasst, verheerend.
Der Erreger heißt Phytophthora infestans, ein Wasserschimmelpilz, kein echter Pilz. Er liebt feuchte, kühle Bedingungen: Temperaturen zwischen 10 und 25 Grad, hohe Luftfeuchtigkeit, nasse Blätter. Genau solche Bedingungen herrschen in vielen mitteleuropäischen Sommern regelmäßig.
Symptome erkennen: Die ersten Zeichen erscheinen meist an den unteren Blättern oder an den Blattstielen. Braun-graue, wässrig wirkende Flecken, die sich schnell ausbreiten. Die Unterseite der Blätter zeigt einen weißlichen, flaumigen Belag – das sind die Sporenlager. Befallene Blätter sterben ab, die Triebe werden braun und weich. An den Früchten zeigen sich braun-grüne, eingesunkene Flecken, das Fruchtfleisch darunter ist braun verfärbt.
Sofortmaßnahme: Beim ersten Anzeichen alle befallenen Blätter und Triebe großzügig abschneiden, nicht in den Kompost, sondern in den Restmüll geben. Die Sporen überleben im Kompost. Anschließend die verbliebenen gesunden Pflanzen mit einem Kupferpräparat behandeln (z. B. Cuprozin oder ähnliche Mittel mit Kupferoktanat). Kupfer wirkt vorbeugend, nicht heilend. Was einmal befallen ist, lässt sich nicht retten, gesunde Teile aber lassen sich schützen.
Vorbeugung ist alles: Pflanzen nicht von oben gießen, Blätter nie nass werden lassen, für gute Luftzirkulation sorgen, ein Regendach über die Pflanzen bauen. Mehr dazu weiter unten.
Blütenendfäule: Keine Krankheit, sondern ein Ernährungsproblem
Schwarze, eingesunkene Flecken am Blütenende wirken auf den ersten Blick wie eine Pilzkrankheit. Sind sie aber nicht.
Blütenendfäule entsteht durch Calciummangel in den Früchten. Nicht unbedingt weil der Boden zu wenig Calcium hat, oft liegt es daran, dass die Pflanze das vorhandene Calcium nicht aufnehmen und transportieren kann. Stressige Bedingungen sind die Ursache: unregelmäßiges Gießen, Trockenheit gefolgt von viel Wasser, zu salziger Boden durch übermäßiges Düngen.
Symptome: Schwarzbraune, lederartige, eingesunkene Flecken am unteren Ende der Frucht, dort, wo die Blüte war. Die Frucht ist ansonsten gesund, nur diese Stelle ist ungenießbar. Häufig betroffen sind Flaschentomaten und Paprikaformen.
Was hilft: Das Gießen stabilisieren. Gleichmäßig und regelmäßig, nie austrocknen lassen, nie ertränken. Mulch auf dem Beet hält die Bodenfeuchtigkeit konstant. Calciumpräparate als Blattdünger helfen schnell, als Sofortmaßnahme eignet sich eine Calciumchlorid-Lösung, direkt auf die Fruchtansätze gesprüht. Mineraldünger mit hohem Stickstoffanteil vorübergehend reduzieren oder weglassen, denn Stickstoff hemmt die Calciumaufnahme.
Wer Tomaten anbaut, sollte Blütenendfäule als Warnsignal nehmen: Der Wasserhaushalt stimmt nicht. Lieber einmal täglich gießen als dreimal pro Woche unregelmäßig.
Grauschimmel (Botrytis cinerea): Grau und flauschig ist kein gutes Zeichen
Botrytis ist ein echter Pilz und mag ähnliche Bedingungen wie Phytophthora: Feuchtigkeit, kühle Temperaturen, schlechte Luftzirkulation. Er befällt geschwächte Pflanzenteile besonders gerne, etwa Wunden nach dem Ausgeizen, abgestorbene Blätter, überreife Früchte.
Symptome: Grauer, staubig wirkender Schimmelbelag auf Blättern, Stielen oder Früchten. Befallene Stellen werden braun und weich. Die Sporen werden beim Berühren in Wolken freigesetzt, ein untrügliches Zeichen für Botrytis.
Was hilft: Beim Ausgeizen und Schneiden immer zu Tageszeiten arbeiten, wenn es trocken ist und der Schnitt schnell abtrocknen kann. Wunden möglichst klein halten. Befallene Pflanzenteile sofort entfernen und entsorgen. Gute Luftzirkulation zwischen den Pflanzen ist bei Botrytis entscheidend.
Im Gewächshaus ist Botrytis besonders hartnäckig. Regelmäßiges Lüften, auch an kühlen Tagen, hilft mehr als jede Behandlung.
Septoria-Blattfleckenkrankheit: Die stille Gefahr
Die Septoria-Blattfleckenkrankheit tritt oft gleichzeitig mit der Krautfäule auf und wird deshalb leicht damit verwechselt. Der Unterschied: Die Flecken sind kleiner, rundlich und haben einen charakteristischen hellen Mittelpunkt mit dunklem Rand.
Der Befall beginnt ebenfalls an den unteren Blättern und arbeitet sich nach oben vor. Die Pflanze verliert nach und nach ihr Laub. Der Ertrag leidet, weil weniger Blattmasse weniger Photosynthese bedeutet. Die Früchte selbst werden selten direkt befallen.
Was hilft: Kranke Blätter entfernen, Kupferpräparate vorbeugend einsetzen, Boden-Spritzwasser vermeiden. Dieser letzte Punkt ist wichtig: Septoria überlebt im Boden und in befallenen Pflanzenresten. Spritzt beim Gießen Erde auf die unteren Blätter, überträgt sich der Erreger. Mulchen schützt davor: Eine Schicht Stroh oder Rasenschnitt zwischen Erde und Blättern verhindert Spritzwasser.
Mosaikvirus und andere Viruskrankheiten: Kaum zu bekämpfen
Viruskrankheiten bei Tomaten sind besonders frustrierend, weil es keine Behandlung gibt. Das Tomatenmosaikvirus, das Gurkenmosaikvirus (das auch Tomaten befällt) und andere verursachen typische Muster: gelblich-grüne Mosaik-Muster auf den Blättern, deformierte Blätter, verkümmerte Früchte, verlangsamtes Wachstum.
Übertragen werden Viren durch Blattläuse, durch kontaminierte Werkzeuge und durch Berührung zwischen Pflanzen. Einmal infiziert, ist eine Pflanze nicht zu retten.
Was hilft: Befallene Pflanzen herausreißen und entsorgen, um die Ausbreitung zu stoppen. Werkzeug zwischen Pflanzen mit Alkohol desinfizieren. Blattläuse konsequent bekämpfen, damit werden gleichzeitig die wichtigsten Virusüberträger eingedämmt. Mehr dazu im Artikel über Schädlinge natürlich bekämpfen.
Resistente Sorten sind hier die beste Antwort. Viele moderne Tomatensorten haben Resistenzen gegen häufige Viren eingebaut, das lohnt sich beim Saatkauf zu prüfen.
Vorbeugung: Das ist mehr als die Hälfte der Arbeit
Alle Tomatenkrankheiten haben eines gemeinsam: Sie lassen sich durch gute Kulturmaßnahmen deutlich reduzieren. Das ist keine Garantie, feuchte, wechselhafte Sommer bleiben eine Herausforderung, aber es ist der wichtigste Hebel.
Standort: Tomaten brauchen Sonne und Luftzirkulation. Kein enger, windstiller Ecken. Mindestens 60 cm Abstand zwischen den Pflanzen.
Gießen: Immer von unten, nie über die Blätter. Tröpfchenbewässerung oder gezielt an der Wurzel. Morgens gießen, damit die Pflanze den Tag über abtrocknen kann, nicht abends.
Regendach: Die wirksamste Einzelmaßnahme. Ein einfaches Foliendach über den Tomaten, zum Beispiel auf einem simplen PVC-Rohr-Gestell, hält die Blätter trocken. Der Unterschied ist dramatisch: Überdachte Tomaten erkranken deutlich seltener an Krautfäule.
Ausgeizen und Entblättern: Regelmäßig die unteren Blätter entfernen, die ersten 30 cm über dem Boden sollten frei sein. Weniger Blattmasse bedeutet bessere Luftzirkulation.
Fruchtfolge: Tomaten nicht jedes Jahr an denselben Platz pflanzen. Die Krankheitserreger überleben im Boden. Mindestens drei Jahre Pause zwischen Tomatenkulturen am gleichen Standort.
Resistente Sorten wählen: Es gibt inzwischen viele Sorten mit Resistenz gegen Phytophthora. Sorten wie ‘Phantasia’, ‘Primabella’ oder ‘Philovita’ sind deutlich robuster. Ein Mix aus klassischen und resistenten Sorten dient als zusätzliche Absicherung.
Wer sein Beet grundsätzlich gut vorbereitet, legt damit den Grundstein. Ein guter Beitrag zum Einstieg ist das Gemüsebeet vorbereiten, die richtigen Bodenbedingungen sind auch für Tomaten entscheidend.
Update Juni 2026
Der Sommer 2026 ist bislang trocken und warm. In Süddeutschland gab es im Juni einzelne kurze Schauer, aber keine langen Regenphasen. Genau das verschiebt die Krautfäule nach hinten: Erste Befälle sind in dieser Saison meist erst Anfang August zu erwarten, nicht schon Ende Juli wie in den Vorjahren.
Für Hobbygärtner heißt das: Kupferpräparate weiterhin vorbeugend spritzen, sobald feucht-warmes Wetter kommt, und nicht erst auf die ersten Flecken warten. Wer jetzt noch keine Spritzung gemacht hat: Behandle die Pflanzen Ende Juli vorbeugend mit Cuprozin oder einem vergleichbaren Kupferpräparat auf Basis von Kupferhydroxid. Auf dem Etikett der Packung steht die genaue Dosierung für Freilandtomaten.
Empfehlenswert für 2026: morgens statt abends gießen und mit Stroh mulchen, damit der Boden feucht bleibt und die Blätter trocken. Diese Kombination hat sich sowohl in feuchten als auch in trockenen Sommern bewährt. Mehr dazu im Mulchen-Guide.
Ein zweiter Punkt: Die Auswahl an krautfäuletoleranten Sorten ist 2026 deutlich besser geworden. ‘Primabella’, ‘Philovita’ und ‘Phantasia’ waren 2024 noch die wichtigsten Empfehlungen. Inzwischen sind auch ‘Pink Wonder’ und ‘Sunviva’ empfehlenswert, beide mit ähnlich guter Freilandtauglichkeit. Wer jetzt noch Jungpflanzen kauft, sollte eine krautfäuletolerante Sorte mitnehmen.
Wer jetzt schon Symptome an den unteren Blättern sieht: Behandeln, befallene Triebe in den Restmüll, und die Pflanze konsequent von unten her entblättern. Drei Wochen vor der erwarteten Ernte kein Kupfer mehr spritzen, sonst landet es auf den reifen Früchten.
Häufige Fragen zu Tomatenkrankheiten
Kann ich Tomaten mit Krautfäule noch essen? Die befallenen Teile nicht, braunes, matschiges Gewebe ist ungenießbar. Wenn eine Frucht nur an der Oberfläche leicht befallen ist und das Innere noch fest und gesund aussieht, lässt sich der befallene Teil großzügig herausschneiden und der Rest essen. Im Zweifel lieber wegwerfen.
Wann sollte ich zum ersten Mal Kupfer spritzen? Vorbeugend, bevor die Krautfäule erscheint. Empfehlenswert ist der Start Anfang Juli oder nach den ersten feucht-kühlen Tagen im Sommer. Nicht warten, bis die ersten Symptome auftauchen, dann ist es oft schon zu spät für eine effektive Wirkung.
Was mache ich mit befallenen Pflanzenresten? In den Restmüll, nicht in den Kompost. Phytophthora-Sporen überleben in normalem Kompost und kommen beim nächsten Ausbringen in den Garten zurück. Das gilt auch für Septoria und andere Pilzerreger.
Sind alte Tomatensorten anfälliger als neue? Leider ja, in der Regel. Alte Sorten wurden gezüchtet, bevor Krautfäule in Europa so virulent war wie heute. Viele schmecken wunderbar, sind aber empfindlich. Anbauen lassen sie sich trotzdem, am besten überdacht und mit besonderer Aufmerksamkeit.
Warum bekommen meine Tomaten Risse? Risse in der Frucht entstehen durch unregelmäßige Wasserversorgung. Wenn nach einer Trockenphase plötzlich viel Wasser kommt, wächst das Fruchtinnere schneller als die Schale. Mulchen und gleichmäßiges Gießen beugen vor. Betroffene Früchte schnell ernten und verwenden, durch Risse dringen Fäulniserreger leicht ein.





